Warum macht der Ukraine-Krieg meinen Ökostrom teurer?

31.03.2022 | Auch Ökostromanbieter haben ihre Preise erhöht: wegen weltweit gestiegener Börsen- und Rohstoffpreise, vor allem bei Gas. Aber was genau hat Gas mit der Strombelieferung zu tun – erst recht bei regionalem Ökostrom?
 
Wer Ökostrom bezieht, sieht sich als Vorreiter der Energiewende – und legt oft großen Wert darauf, dass es sich um „echten" Ökostrom handelt: Der Anbieter soll nicht nur sauberen Strom bereitstellen, sondern zusätzlich auch in den Ausbau der erneuerbaren Energien investieren.
 
Aktuell besonders beliebt ist zudem regionaler Ökostrom. Hier garantiert der Anbieter, dass er den Strom ausschließlich von Ökostrom-Anlagen aus dem Umkreis bezieht und auch in solche investiert. Aus Sicht vieler Kund*innen erscheint das als sichere Bank: Was regional erzeugt wird, wirkt autark – und preisstabil.
 
Aber ist regional erzeugter Ökostrom wirklich völlig unabhängig von der Weltlage? Die Preisanstiege seit 2021 auch bei regionalem Ökostrom zeigen: nein. Erfahren Sie hier mehr über die Hintergründe.

 

So funktioniert der Strommarkt

Zunächst ist ein Blick auf die Strombörsen nötig, wo die Preise für Stromlieferungen entstehen. Eine europäische Energiehandelsbörse auf deutschem Boden ist etwa die Leipziger Strombörse EEX. Dort treffen die Anbieter von Energie, also Kraftwerksbetreiber oder Großhändler, auf die Nachfrager, das sind vor allem Stromlieferanten oder auch einzelne Industriebetriebe.

Die Angebotsdeckung erfolgt dabei nach der so genannten Merit-Order. Das meint, dass in der Angebotsreihenfolge so lange Kraftwerke von günstig nach teuer hinzugeschaltet werden, bis alle Nachfrager ihre Stromkäufe decken können:

  1. In dieser Deckungsreihenfolge der Kraftwerke kommen die Erneuerbaren immer zuerst, denn sie haben einen gesetzlichen Einspeisevorrang: Sie müssen und dürfen immer mit ihren Mengen in den Markt gehen, wenn die Wetterbedingungen (Sonne, Wind) ihnen die Stromerzeugung erlauben.

  2. Danach werden konventionelle Kraftwerke hinzugeschaltet, meist große Kohle- und Atom-Kraftwerke (letztere nur noch bis Ende 2022). Sie produzieren Strom aktuell günstiger als Gaskraftwerke, sind jedoch zu unflexibel, um die stets schwankende Stromerzeugung in der Spitzenlast auszugleichen.

  3. Am Ende der Strombedarfsdeckung stehen deshalb meist die Gaskraftwerke, in denen Strom aus der Verbrennung von Gas gewonnen wird. Diese sind zwar – wegen der hohen Gaspreise – die teuersten in der Reihenfolge, können aber relativ schnell hoch- und runtergefahren werden und so die Erzeugung exakt auf den Verbrauch einpegeln.
Der Strompreis für alle Anbieter richtet sich nach dem teuersten Angebot des Anbieters, der zur Erfüllung der geforderten Strommenge beiträgt; dies sind, wegen des stockenden Netzausbaus, derzeit häufig die teuren Gaskraftwerke. Daher erhalten Betreiber von Großflächen-PV-Anlagen, Windparks oder abgeschriebenen Atom- und Kohlekraftwerken teils einen vielfach höheren Strompreis angeboten – und für ein teures Gaskraftwerk reicht der Preis zur Marktteilnahme.
 

Was der „Handel für den nächsten Tag" bedeutet
 
An der Strombörse werden verschiedene Lieferverträge mit unterschiedlichsten Lauf- und Lieferzeiten gehandelt: etwa Strommengen für die nächste Stunde oder mehrere Jahre im Voraus (Termingeschäfte), mit kurzfristigen Lieferstrecken bis hin zu jahrelangen Gültigkeitsdauern. Die entscheidenden Preisimpulse gehen dabei vom so genannten Day-Ahead-Handel (Handel für den nächsten Tag) aus, an dem die Energielieferungen für einzelne Stunden und sogar Viertelstunden des Folgetages gehandelt werden. Denn die Rahmenbedingungen des Folgetages lassen sich einfach viel besser einordnen als die des nächsten Jahres.
 
Das Abarbeiten der Nachfrage nach der oben beschriebenen Reihenfolge gilt vor allem für solche Kurzfristprodukte. Die Preise für weiter entfernte Lieferungen orientieren sich jedoch an diesem Day-Ahead-Handel, wobei hier natürlich auch noch längerfristige Erwartungen mit einfließen. So ist die Tendenz der Preisentwicklung im Kurz- und Langfristhandel meist gleich.

 

Wie der Gaspreis den Strompreis beeinflusst

An der Strombörse bestimmt das letzte Gebot, das einen Zuschlag erhält, den Strompreis. Der Preis für elektrische Energie hängt also vom jeweils teuersten Kraftwerk ab, das noch benötigt wird, um die Stromnachfrage zu decken; in der Regel sind dies derzeit die Gastkraftwerke.

Gaskraftwerke bestimmen somit aktuell meist den Preis für den gesamten Strommarkt – und das gilt umso mehr, weil andere konventionelle Kapazitäten, also Atom und Kohle, sukzessive wegfallen. Ein steigender globaler Gaspreis sorgt damit für höhere Stromkosten in Deutschland.

 

Warum sich auch regionaler Ökostrom nach dem Börsenpreis richtet

Wer einen Ökostromtarif gebucht hat, wird nun einwenden, dass ein echter Ökostromanbieter doch gar nicht an der Börse kauft – sondern den Strom direkt bei den Betreibern von Wasser-, Wind-, und Solarkraftwerken beschafft, oft sogar direkt in der Region. Warum erhöhen auch solche regionalen Ökostromanbieter plötzlich ihre Preise, und das nicht zu knapp? Sie wirtschaften doch autark und sollten deshalb gar nicht von globalen Preisentwicklungen beeinflusst werden …

Die Antwort lautet: Auch solche direkten Lieferverträge (sog. OTC-Verträge: Over the counter, also direkt über den Schreibtisch) für Strom aus erneuerbaren Energien richten sich nach den Börsenpreisen. Denn der Börsenpreis ist nun einmal die Orientierungsmarke für marktübliche Preisniveaus. Nur damit fühlen sich weder Erzeuger noch Lieferant übervorteilt.

Würde ein Ökostromanbieter seinen Strom deutlich teurer als der Börsenpreis einkaufen, wäre er nicht konkurrenzfähig. Würde er deutlich niedrigere Preise zahlen wollen, würden die Öko-Kraftwerksbetreiber lieber zu anderen Abnehmern oder eben direkt an die Börse gehen. Daher werden auch direkte und sogar regionale Ökostrom-Lieferverträge vom Börsenpreis beeinflusst.

 

Ökostrom-Anbieter dienen der Energieunabhängigkeit

Doch machen Sie sich bewusst: Echte Ökostromanbieter kaufen nicht nur Strom aus erneuerbaren Energien, sondern bauen auch eigene Erneuerbare-Energien-Anlagen – die sie für die direkte Belieferung ihrer Kund*innen einsetzen können.

Die eigenen Anlagen helfen den Anbietern, ihre Strompreise zu stabilisieren bzw. nötige Preisanpassungen abzufedern. Mit jedem weiteren Öko-Kraftwerk wird dieser Effekt stärker. Vor allem aber helfen mehr Öko-Kraftwerke dem deutschen Staat, uns Bürgerinnen und Bürgern auf dem Weg zu mehr Energieunabhängigkeit.

Je mehr Ökostromkunden es gibt, desto mehr Ökostrom wird erzeugt. Die Energieagentur Ebersberg-München empfiehlt: Beziehen Sie echten Ökostrom! Damit investieren Sie in die Stabilisierung der künftigen Strompreise ebenso wie in die Energieunabhängigkeit unseres Landes – und leisten womöglich Ihren eigenen kleinen Beitrag zur Friedenssicherung in Europa.

 

Hinweise:

Im Unterschied zu echtem Ökostrom wird Strom als „unechter Ökostrom" bezeichnet, wenn er anonym in großen Mengen an der Börse gekauft und danach mit Ökostromzertifikaten „grüngewaschen" wird.

Regionale Ökostromanbieter in den Landkreisen Ebersberg und München sind: Bavariastrom, Eberwerk, Polarstern, Rothmoser, Stadtwerke München (Tarif M/Ökostrom regional).

Bundesweit sollten Sie einen zertifizierten Ökostromanbieter wählen, um sicherzugehen, dass Sie mit Ihrem Stromtarif die Energiewende und den Klimaschutz unterstützen. Empfohlene Siegel sind „ok-power" sowie „Grüner Strom". Mögliche Anbieter sind u. a.: bpure, Bürgerwerke, ENTEGA, EWS Schönau, Naturstrom, Prokon, Green Planet Energy (ehemals Greenpeace Energy).